Cloud Computing nach dem pay-per-use Prinzip wird gerne als kostengünstig vermarktet, dabei gibt es aber einige finanzielle Tücken. Wie Sie verhindern, dass das zur Kostenfalle wird.

Modelle zur Bereitstellung von IT-Ressourcen und Kosten
Modelle zur Bereitstellung von IT-Ressourcen und Kosten

Meine Erfahrungen zum Thema

Für Testzwecke erstellte ich bei AWS das Service Kendra, welches im ersten Monat kostenlos war. Meine Tests verliefen nicht wie erwartet, womit ich mich anderen Lösungen zuwandte. Bei der Anlage des Services habe ich mich nicht weiter um die Kosten gekümmert, da der Test ja gratis war.

Im folgenden Monat (Anfang Juni) bekam ich eine Rechnung über ca. 2 EUR von AWS. Bei einer schnellen Prüfung im AWS Fakturierung-Dashboard fand ich keine weiteren zu erwartenden Kosten, womit ich mir auch keine weiteren Gedanken machte. Die damalige Version des Faktuierung-Dashboard bot wenig Übersicht und ebenso gab es kein Übersicht zu allen laufenden Services. Man musste zumindest den Servicetyp (Kendra) wissen, um eine solche Übersicht zu bekommen.

Im zweiten Monat (Anfang Juli) kam dann eine Rechnung über 1.067 EUR. Auch waren für Juli bereits Kosten von ca. 160 EUR angefallen.

Wie konnte das passieren?

Die Tücken

Nach Ablauf des Gratis-Monats sind die Kosten für die Kendra Developer-Edition 2,50 USD + MwSt. pro Stunde (Stand Juli 2020), womit monatliche Kosten von bis zu 1.800 USD anfallen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Service tatsächlich genutzt wird, denn für die Abrechnung ist nur relevant, ob das Service bei AWS aktiv war. Für die Verarbeitung (Scanning) mit Kendra fallen außerdem weitere Kosten an.

Was sagt AWS dazu

AWS argumentiert mit Folgendem:

  • Alle Kosten sind klar dokumentiert
  • In den Vertragsbedingungen ist geregelt, dass der Kontoeigentümer für die Nutzung voll verantwortlich ist
  • Zur Kostenüberwachung kann der Kontoeigentümer ein Budget konfigurieren und die Funktion CloudWatch nutzen
  • Es gibt auch Gratis-Angebote (Free-tier, AWS Educate) für Testzwecke.

Offensichtlich habe ich bei der AWS-Nutzung Fehler gemacht und hoffte damit auf Kulanz von AWS. Nach Öffnung eines Support-Tickets dauerte es einige Zeit, bis mein Antrag auf Rückerstattung der Kosten bearbeitet wurde, aber schlussendlich wurde es genehmigt. AWS war in meinem Fall großzügig, ich kann aber nicht abschätzen wie groß die Chancen für eine Kostenrückerstattung in anderen Fällen sind.

Kostenfallen vermeiden

Achten Sie auf folgendes, damit Cloud-Computing nicht zur Kostenfalle wird:

  1. Recherchieren Sie die Cloud-Service-Kosten für den gesamten Nutzungszeitraum (noch bevor Sie viel Zeit in die Plattform investieren)
    • Kosten für die Einrichtung und Migration eines bestehenden Services
    • Service-Kosten während der Entwicklungs- und Testphase
    • Service-Kosten für die Betriebsphase
      • Achten Sie auf die Bedingungen für vergünstigte Service-Versionen, ob Sie diese produktiv einsetzen können
      • Evaluieren Sie auch die Kosten für notwendige Zusatz-Services (IT-Security, erweiterte Verfügbarkeit etc.)
  2. Evaluieren Sie, welches Verrechnungsmodell für den Anwendungsfall günstiger ist
    • Eine Monatspauschale ist günstiger für Services, welche die meiste Zeit aktiv sind;
    • pay-per-use ist nur von Vorteil, wenn Services nur stunden- oder tageweise benötigt werden
    • Pauschalen erleichtern die Kostenplanung
  3. Kostenkontrollen bereits zu Beginn einrichten
    • Konfiguration eines Budgets im Cloud Service Konto, welches nicht überschritten werden darf
    • Für pay-per-use: Laufende (tägliche) Zusendung Cloud Service Nutzungs- und Kostenberichten an den Budgetverantwortlichen
  4. Verhindern Sie die Einrichtung von neuen Services und Service-Aufstockung ohne vorherige Freigabe
    • Restriktive Rechtevergabe für Änderungen / Neuanlage von Cloud Services
    • Implementierung eines Beschaffungsprozesses (wie für anderes IT-Equipment auch)

Anwendungen

Das passende Modell zur Bereitstellung von IT-Ressourcen (Cloud Service Pauschale / reservierte Cloud Services, Cloud Service pay-per-use, eigene IT) ist von der Anwendung und der Nutzung abhängig.

Hier ein paar Beispiele:

AnwendungNutzungEmpfehlung für das IT-Service-Modell und die Verrechnung
Interne geschäftskritische IT-Lösung (z.B. ERP)Geschäftszeiten bis 7×24Eigene IT oder Software-as-a-Service als Pauschale
Externe geschäftskritische IT-Lösung (z.B. Webshop)7×24Managed Web-Service oder Ressourcenpool (IaaS, PaaS) als Pauschale
Nicht geschäftskritische öffentliche IT-Services7×24Managed Web-Service oder Ressourcenpool (IaaS, PaaS) als Pauschale
E-Mail Service7×24Software-as-a-Service als Pauschale
Selten genutztes Testsystem<10 Tage im JahrEigene IT oder Ressourcenpool (IaaS, PaaS) als Pay-per-use
Entwicklungssystem3 – 12 Monate im JahrEigene IT oder Ressourcenpool (IaaS, PaaS) als Pauschale

Fazit

Cloud-Computing KANN günstiger als andere Modelle zur Bereitstellung von IT-Ressourcen sein:

  • Für selten genutzte IT-Services ist pay-per-use oft günstiger
  • Für andere Anwendungsfälle sind Cloud Service Pauschalen oder auch der Betrieb mit der eigenen IT meistens günstiger.

Für pay-per-use muss eine laufende Überwachung der Nutzung und Kosten eingerichtet werden, um böse Überraschungen bei der Abrechnung zu vermeiden.

Weitere Tipps zum Thema finden Sie im Beitrag Cloud Computing für KMU.

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